"tides & tremors" zum 75. Jubiläum der NDR Radiophilharmonie

"Viel Applaus für die Uraufführung von "tides & tremors"... Thorsten Enckes neues Stück bietet viel Stoff für die Fantasie der Zuhörer." (HAZ, 10.01.26).
Die gefeierte Uraufführung des Auftragswerks zum 75. Jubiläum der NDR Radiophilharmonie fand am 8. Januar 26 im NDR Konzerthaus Hannover statt. Dirigent war Michael Sanderling. Das Gespräch mit Thorsten Encke führte Andrea Hechtenberg.

Lieber Herr Encke, Sie sind gebürtiger Niedersachse und leben schon lange in Hannover – wann begann Ihre Verbindung zur NDR Radiophilharmonie?
Aufgewachsen und zur Schule gegangen bin ich in Celle – wir fuhren mehrfach mit dem Musikkurs nach Hannover, um das Orchester zu erleben. Ein ganz wichtiges Konzerterlebnis war später während meines Studiums die Aufführung des Doppelkonzertes für Violine und Violoncello von Johannes Brahms mit dem damaligen Konzertmeister des Orchesters Volker Worlitzsch und meinem Cello-Professor Friedrich-Jürgen Sellheim. Ein wunderbarer Konzertabend, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. 1995 hatte ich die große Ehre, mein Konzertexamen mit der NDR Radiophilharmonie zu spielen. Ich war dabei der Solist in Witold Lutosławskis Cellokonzert – ein ganz besonderer Moment in meiner Musikerlaufbahn.

Sie sind dann zunächst als Cellist dem Orchester verbunden geblieben?
Ich war nach meinem Studium drei Jahre lang Solocellist im Philharmonischen Orchester Gera. Übrigens kenne ich auch Michael Sanderling aus dieser Zeit. Damals war er allerdings noch nicht als Dirigent, sondern als Cello-Solist unterwegs. Mit ihm als Dirigenten der heutigen Uraufführung meiner Komposition schließt sich also gewissermaßen ein Kreis. Als ich im Jahr 2000 mit meiner Familie wieder nach Hannover zurückgekommen bin und den Schritt in die Freiberuflichkeit wagte, habe ich bei der Radiophilharmonie als Cellist immer wieder als Aushilfe gespielt.

Mit dem Beginn der 2000er Jahre rückte für Sie immer mehr das Komponieren in den Fokus, wobei Sie bis heute auch noch als Cellist aktiv sind.
2005 habe ich, für mich ganz unerwartet, den Kompositionspreis des Pablo Casals Festivals gewonnen. Das hat mich dazu motiviert weiter in diese Richtung zu gehen – ohne das Cello an den Nagel zu hängen. Für einen Komponisten ist der Praxisbezug unglaublich wichtig.

Und Ihr Weg als Komponist führte Sie auch wieder zur NDR Radiophilharmonie?
Richtig. 2013 wurde meine »Wanderer«-Fantasie von der Radiophilharmonie uraufgeführt, 2015 folgte »Ströme II« und 2019 die Uraufführung meines Klarinettenkonzertes, das ich für Sharon Kam geschrieben habe.

Als Sie jetzt ihr Orchesterwerk »tides & tremors« zum 75. Geburtstag der NDR Radiophilharmonie komponiert haben, hatten Sie also den Klang des Orchesters und seine Musikerinnen und Musiker genau vor Ohr und Auge?
Das Orchester hat sich ja im Laufe der letzten Jahrzehnte enorm entwickelt. Ich schätze besonders die Agilität seines Klanges, und das ist natürlich auch in meine Komposition eingeflossen. Teilweise habe ich mit den Musikerinnen und Musikern eine weit zurückreichende gemeinsame Geschichte. Es gibt im Stück z. B. ein kleines Cello-Solo, das an diesem Abend der Solo-Cellist der NDR Radiophilharmonie Nikolai Schneider spielt. Mit ihm habe ich damals schon zusammen im Niedersächsischen Jugendsinfonieorchester gespielt. Und es gibt noch einige andere Musikerinnen und Musiker im Orchester – Bläser, Schlagzeuger, Streicher, Instrumentengruppen – von denen ich mich beim Komponieren des Werkes inspiriert gefühlt habe. Daher ist es ein sehr lebhaftes und spielfreudiges Stück geworden, das ganz bewusst durch die einzelnen Instrumentengruppen wandert.

Den Titel Werkes, »tides & tremors«, wie würden Sie ihn übersetzen?
Ich würde ihn mit »Gezeiten und Erschütterungen« übersetzen.

Das Werk passt damit auch in ihr kompositorisches Portfolio der vergangenen Jahre. Sie haben etliche Stücke geschrieben, die von Naturphänomenen wie Wasser und Meer inspiriert sind – etwa »Black Ice« oder »It is noisy in the ocean« –, und sich mit der Schönheit und Zerbrechlichkeit unserer Umwelt auseinandersetzen und die Musik somit in einen ganz aktuellen Kontext stellen. Was steckt diesbezüglich hinter dem Titel »tides & tremors«?
Natürlich ist es erstmal ein Stück für sich, ein Musikstück, unabhängig von jeglicher Art von ökologischer Verankerung. Aber darüber hinaus, das haben Sie ganz richtig beschrieben, ist es mir als Komponist sehr wichtig, auf die Phänomene unserer Zeit einzugehen. Die Kunst sollte nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern das Potenzial der Kunst auschöpfen, als ein Medium, das uns zum Nachdenken bringen kann und unsere Wahrnehmung schärft. Ich finde, Musik ist da ganz speziell ein unglaubliches Wahrnehmungsinstrument. Sich mit der Zuspitzung der Klimakatastrophe auch als Musiker und Komponist zu befassen, ist für mich in den letzten Jahren immer mehr ein Anliegen geworden. Das Bild der Gezeiten ist für mich eine sehr passende Metapher dafür, dass das Leben auf unserem Planeten niemals stillsteht. Die Gezeiten sind eine universelle Kraft, die alle Ökosysteme auf der Erde beeinflußt und eine fortwährende Bewegtheit erzeugt. Auch wir Menschen können uns dem nicht entziehen. Und wenn man diese Dimensionen reflektiert, dann kann man vielleicht eine Art heiliges Erschrecken darüber empfinden, dass wir Menschen ja nur ein ganz kleiner Teil all dessen sind.

Dieses »Erschrecken« steckt also auch in dem Wort »tremors«?
Ja. Dieses heilige Erschrecken, diese Erkenntnis von etwas Größerem, ist auch mit dem Gefühl von Ehrfurcht und Demut verbunden. Das sind vielleicht altmodische Begriffe, aber ich finde, sie sind gerade in unserer heutigen Zeit sehr wichtig.

Das Meer und die Gezeiten – sie gehören natürlich auch zur unmittelbaren Umgebung und Erlebniswelt der Menschen in Norddeutschland.
Tatsächlich sind auch Kindheitserinnerungen in die Komposition des Stückes eingeflossen. Meine Großeltern wohnten in Cuxhaven, und der spannendste Moment für mich als Kind war immer der Gang über den Deich und die Frage: Ist das Wasser da oder ist es nicht da? Eine weitere Kindheitserinnerung sind Familienurlaube in der Bretagne, wo der Tidenhub ja extrem stark ist. Ich bin dort am Meer bei Ebbe gerne in den Felsen herumgeklettert. In den kleinen Tümpeln konnte man Krebse und Muscheln finden. Besonders fasziniert war ich von diesem gewissen leise knisternden Geräusch, das über den Tümpeln lag.

Werfen wir einen direkten Blick in das Stück. Es beginnt ganz zurückgenommen und leise. Die Harfe spielt ein Glissando aufwärts. Es folgen die Maracas – Rasseln, gefüllt z. B. mit Pflanzensamen oder kleinen Kieselsteinen. Man hat das Gefühl einer Welle (Harfenglissando), die auf den rasselnden Sound der geschüttelten Maracas trifft bzw. diesen auslöst. Steckt in diesen ersten Takten ein komprimiertes klangliches Symbol für »tides & tremors«?
Ja, das steckt durchaus in diesen ersten Takten. Auf das ganze Stück projiziert hatte ich die Vision von einem sich sehr langsam entwickelnden Klang, der sich im Verlaufe des Stückes immer mehr in die Höhe schraubt und intensiver wird, bevor dann die wirkliche Springflut einsetzt. Ich muss mich da auch schon mal bei den Kontrabässen entschuldigen, denn die setzen nach der Hälfte des Stückes überhaupt erst ein. Ich hatte das Gefühl, dass ich diese Hochtönigkeit des Beginns noch bis zum Letzten auskosten muss, bevor die tiefen Frequenzen einsetzen und die Wellen dann wirklich ins Rollen geraten.

Es gibt später, gegen Ende des Stückes, einen starken klanglichen Einschnitt: Nach einer sich quasi über die ganze Orchesterbreite im Forte aufbauenden Klangwelle gibt es plötzlich eine Generalpause: Alle schweigen, nur die Es-Klarinette spielt einen leisen, hohen langen Ton.
In den Takten davor fügt sich alles zu einer Unisonofigur zusammen. Das ist ein Bild für die Interferenz von Wellen, die sich überlagern und gleichschwingen und dadurch eine viel größere Kraft entwickeln können. Auch bei den Gezeiten und der periodischen Wasserbewegung im Ozean können sich Wellen stark vergrößern. So ist es auch hier im Stück: Durch dieses Gleichschwingen, diese Unisono-Resonanz wird der Höhepunkt des Stückes eingeleitet. Dass die Es-Klarinette ganz alleine mit ihrem sehr leisen hohen Gis übrigbleibt, deutet vielleicht das beginnende Erschrecken an. Es ist wie ein duchgängiger ferner Ton, den man nur im eigenen Kopf wahrzunehmen scheint und den man überall mit hinträgt – wie ein Tinnitus.

Insgesamt ist »tides & tremors« ein durchaus plastisch komponiertes Stück, das die Hörerinnen und Hörer in diese Wellenbewegungen, in das Spiel der Kräfte mit hineinnimmt. Es endet auch, nun wieder sehr zurückgenommen, mit einer sich allmählich aufbauenden Bewegung nach oben, bevor es ganz leise quasi abebbt und entschwindet.
Es soll für die Zuhörenden auf jeden Fall eine sinnliche Erfahrung mit einem nachvollziehbaren Spannungsbogen sein. Und, das sage ich jetzt auch als praktischer Musiker: Den Musikerinnen und Musikern der NDR Radiophilharmonie – für die ich das Werk geschrieben habe – soll es auch einfach Spaß machen, diese Musik zu spielen. Ich würde mich freuen wenn es gelingt.