"... bewundernswerte Mixtur aus Anspruch, Reibung und Integrierbarkeit ins bürgerliche Konzertleben, die alle Beteiligten - vom Nationaltheaterorchester über Violinsolistin Tianwa Yang und Dirigent Michal Nesterowicz überaus brillant umsetzten. Es lebe das Neue. Es hält uns nachdenklich. Und jung."
schreibt der Mannheimer Morgen am 02.03.26 zur gefeierten Uraufführung des neuen Violinkonzerts von Thorsten Encke
Katharina Eickhoff führte das folgende Gespräch mit dem Komponisten.
Ihr Cellokonzert von 2017 nannten Sie eine „Suche nach dem Gesang“. Wonach sucht Ihr Violinkonzert?
Nach der Lebendigkeit des Klangs („the activity of sound“ - John Cage).
Gibt es Geschichten, Bilder, Szenen, konkrete Emotionen, die Sie beim Komponieren beschäftigt haben und die man beim Hören entdecken kann? Wie ist die Form des Konzerts?
Die vier Sätze des Konzerts tragen die Titel: flight („Flug“), fright („Schrecken“), fringe („Randbereich“) und unbridled joy - with a touch of madness. Auf diese „ungezügelte Freude am Rande des Wahnsinns“ scheint es am Ende wohl hinauszulaufen bei der Suche nach der Lebendigkeit des Klangs...
Es beginnt im 1. Satz mit einem Vogelmotiv und einer Hommage an die verrückten Staren-Schwärme, die immer wieder neue Formationen am Himmel bilden, in aberwitziger Schnelligkeit von einer Seite zur anderen rasen und dabei ein Geräuschkonzert von unglaublicher Vielfalt zum Besten geben. Ich hatte das große Glück, solche Schwärme beobachten zu können. Dementsprechend ist der erste Satz in ständiger, flüchtiger Bewegung. Am Ende entsteht mit der Birds-Cadenza eine andere Atmosphäre: die Sologeige singt und tiriliert als Nachtigall verkleidet, assistiert und vervielfältigt von diversen anderen Vogelrufen und Naturklängen aus dem Orchester. Das alles ist weniger ein naturalistisches Bild als die Umwandlung einer Inspiration aus der Natur in musikalische Strukturen.
Mit dem Dialog zwischen der Pauke und der Violine am Anfang des 2. Satzes verdunkelt sich die Stimmung: Bedrohliches kündigt sich an und verwandelt sich mit dem fortissimo-Aufbäumen des ganzen Orchesters zum Bild des Schreckens – um in einem sehr leisen Echo-Cluster einen gleichsam gedanklichen Widerhall zu finden. In einer intimen Aria zwischen Solistin, Streicher-Stimmführer*innen, Vibrafon und Englisch Horn wird der Trauer über Verlorenes Ausdruck verliehen, bevor das Fragment einer alten Melodie wie unter einem Nebelschleier sehnsuchtsvoller Erinnerungen erklingt.
Randbereiche sind Rückzugsorte und ökologische Nischen voller Leben und Wandel, in denen Neues gedeiht und Alternativen entstehen. Als ich „fringe“, den 3. Satz des Konzerts, komponierte, hatte ich das Bild eines schattigen Ortes vor Augen und Ohren, an dem es scharrt und raschelt, Lichtreflexe durch die Blätter blitzen oder ein ohrenknackendes „Zikadenkonzert“ vorbeizieht. Musikalisch bedeutet es das Ausloten ungewöhnlicher Spieltechniken und das Entstehen einer ganz eigenen, fragilen Klanglandschaft.
Der letzte Satz ist ein rhythmisch-betonter Tanz, der noch einmal alle virtuosen Register der Solovioline bedient und auch das Orchester in den Strudel einer ungezügelten, voran drängenden Wildheit zieht.
Alle Sätze schließen direkt aneinander an. Über ihre unterschiedlichen musikalischen Stationen hinweg strebt die Komposition einer fast euphorischen Ausgelassenheit entgegen.
Gab es „klassische“ Vorbilder? Eine bestimmte Grundidee, aus der sich das Ganze entwickelt?
Das Konzert beginnt mit einem Motiv der Solovioline, das mir eine Amsel im Sommer vor zwei Jahren förmlich eingetrichtert hat. Die Kraft und Intonationsreinheit dieses geflöteten Signals waren verblüffend. Als wollte sie mir sagen: „Hör hin! Was willst du mehr? Hier ist dein Motiv.“ Ich konnte nicht anders als es zu nehmen. Diese Referenz musste ich ihr erweisen.
Die zweite Referenz gilt dem Beethoven Violinkonzert, das in seiner Ausdruckstiefe und großartigen Weitsicht für mich das zentrale Konzert für Violine und Orchester ist. Die Paukenschläge des Beginns finden sich in meinem Stück am Anfang des 2. Satzes wieder, hier jedoch aus der Idylle ins Bedrohliche transformiert.
Wie würden Sie den spezifischen Klang des Violinkonzerts beschreiben, gerade auch mit Blick auf das Orchester - was schwebte Ihnen da vor? Und wie entsteht dieser Klang?
”I have the feeling that sound is acting, and I love the activity of sound...I am completely satisfied with that.“, sagte der Pionier der experimentellen Musik, der amerikanische Komponist John Cage einmal. Im Violinkonzerts geht es mir um die Lebendigkeit des Klangs in vielen spielerischen Verästelungen und evolutionären Entwicklungen - um Bewegung, Dialog, Raum, Struktur und emotionale Tiefe. Es ist ein recht polyphones Werk geworden, in dem das Orchester der Sologeige ebenbürtig ist. Als prima inter pares setzt sie Impulse, die vom Orchester aufgenommen, weitergesponnen und mitunter in klangvolle tutti-Passagen überführt werden. Dabei sind auch die solistischen Instrumente des Orchesters gefordert, seien es die Bläser, Streicher oder das Schlagzeug, das ganz entscheidende klangliche Akzente setzt und die musikalische Erzählung immer wieder in die eine oder andere Richtung lotst.
Was ist besonders, wenn man für die Violine komponiert?
Die Geige ist ein Instrument mit einer sehr langen Geschichte und schier unerschöpflichen spielerischen und klanglichen Möglichkeiten. Die Liste der Kompositionen für Solovioline ist riesig. Alle bedeutenden Komponistinnen und Komponisten haben für sie geschrieben. Insofern ist es eine große Herausforderung, dem noch etwas Eigenes hinzuzufügen. Aber eben auch ein toller Ansporn, der mich reizte. Und warum gerade Sologeige und Orchester? Weil das Aufeinanderprallen dieser einzelnen kraftvollen, zärtlichen, rauen und süßen Stimme und der ungebremsten orchestralen Klangvielfalt etwas extrem Stimulierendes für mich hat und eine geradezu wilde Freude in mir freisetzt.
Ihr Werk steht bei der Uraufführung zwischen Smetanas „Moldau“ und Dvoraks Achter Symphonie - spielte das für Sie eine Rolle bei der Komposition?
Sowohl Smetana als auch Dvorak liebten die Natur und ließen sich bei der Komposition ihrer Werke von ihr inspirieren. Auch im Violinkonzert war mein erster Impuls ein Naturerlebnis. Insofern gibt es hier ein inneres Band. Die Sehnsucht nach intakter Natur haben Komponist*innen durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder zum Ausdruck gebracht. Es ist ja auch eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Der Vielfalt unserer natürlichen Phänomene eine Stimme zu geben, die nicht primär aus der menschlichen Perspektive besteht, ist vielleicht eine wichtige Aufgabe heutiger Komponist*innen.
Sie sind Dirigent, führen Ihre Kompositionen oft selbst auf - wie ist das für Sie, wenn da ein anderer, in diesem Fall Michal Nesterowicz, am Pult steht?
Das Kind (die Komposition) ist erwachsen geworden. Ich muss loslassen, damit es seinen Weg in die Welt findet. Natürlich juckt es einen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen – jeder einzelne Ton im Stück hat für mich eine Geschichte. Aber es wird spannend sein, zu sehen, wie andere damit umgehen und vielleicht noch Dinge entdecken, die mir gar nicht bewusst waren. Das einzigartige an Musik ist ja ihre Offenheit: Jedes Werk kann in den Händen unterschiedlicher Interpreten auch ganz unterschiedlich klingen und bleibt dennoch erkennbar.
Schön sind der inspirierende Austausch mit der Solistin und dem Dirigenten im Vorfeld und deren Offenheit. Hieraus kann sich eine zusätzliche kreative Dynamik entwickeln, die die Aufführung des Werkes positiv beeinflusst.
Wenn man in Klassik-Konzerten politische und gesellschaftliche Themen aufgreift, kommt nicht selten Widerspruch, weil viele sich wünschen, dass Musik mit der unwirtlichen Realität möglichst wenig zu tun haben soll, - all das belastet im Alltag schon genug, beim Musikhören will man davon verschont sein, sucht eine Auszeit…Haben Sie Verständnis für diesen Wunsch nach Seelenfrieden durch Musik?
Ich kann das Bedürfnis nach Seelenfrieden sehr gut nachvollziehen. Aber es ist ein Missverständnis über die vermeintliche Funktion von Musik, wenn wir sie zu einem bloßen Entspannungsmedium reduzieren. Musik und Kunst sind nicht dazu da, uns eine Auszeit zu verschaffen. Kunst hat keine Aufgabe. Ihr Vorzug ist die Vielschichtigkeit. Musik spricht die Sprache der Gefühle und Gefühle sind komplex. Sie erzählt Geschichten von Lebenserfahrungen, die sich nicht in Worte fassen lassen und ist damit Spiegel unserer Zeit. Was die Zuhörerinnen und Zuhörer dabei empfinden kann ganz unterschiedlich sein.
Seinen Seelenfrieden kann jeder Mensch ohnehin nur für sich alleine finden. Mir persönlich ist das Aufgeweckte lieber als das Einlullende, denn es setzt bei mir etwas in Gang. Ich kann für einen Moment meiner eigenen Begrenztheit entfliehen. Das ist ein gutes Gefühl. Musik, die versucht mich einzulullen, bringt mich vollkommen auf die Palme.
„Wir sind Musiker - im Grunde müssten wir auch alle Greenpeace- und Human Rights Watch Aktivisten sein“ - Das schreiben Sie auf Ihrer Website über Ihr Selbstverständnis als Künstler. Die Hütte brennt, soviel ist klar - aber kann man mit Musik daran etwas ändern?
Musik kann uns zum Nachdenken anregen, kann Gemeinschaft und gegenseitiges Verständnis stiften, sie kann uns sensibel, empathisch und offen für die Phänomene des Lebens machen. Das ist viel. Die Welt retten kann sie nicht. Die Umweltzerstörung beenden kann sie nicht. Den Endzeitkapitalismus abschaffen, nein. Unrecht und Ungerechtigkeit bekämpfen vermutlich auch nicht. Deswegen der Aufruf. Es ist der Zusammenhang von Kreativität, Nachdenken und Handeln, der logischerweise zu dieser Aussage führt. Jeder Mensch, der über die Konsequenzen unserer Lebensweise nachdenkt, spürt vermutlich diesen Drang, etwas zu tun.
Mit dem von Ihnen gegründeten Orchester musica assoluta sind Sie auf der Suche nach neuen, spartenübergreifenden Konzertformen - wie sieht das Konzert der Zukunft für Sie aus?
”Jeder Mensch ist ein Künstler“ - mit diesem Satz verleiht Joseph Beuys seiner Überzeugung Ausdruck, dass in jeder und jedem von uns eine schöpferische Kraft schlummert, die die Welt verändern kann. Für mich ist das Konzert der Zukunft eines, in dem diese verborgenen Potentiale in uns allen geweckt werden und durch Gemeinschaft zu mehr Toleranz, Verständnis, Freundlichkeit und einer angstfreien Zukunft führen. Es ist ein Konzertformat, das überrascht, fordert, zum Nachdenken anregt, aufrüttelt und dadurch beglückt.